der spaziergang
es kam ganz plötzlich. der nachmittag hätte anders verlaufen müssen, wenn es nach plan gegangen wäre. aber es ging nicht nach plan und hin und wieder ist es ganz gut, wenn etwas nicht nach plan geht. das unerwartete hat seinen faszinierenden reiz. eigentlich wollte ich nur ganz kurz mit ihr reden, mir noch schnell ein paar ihrer sorgen mit nach hause nehmen. doch nicht ich nahm ihre sorgen mit, sondern sie mich.
der vorschlag, mit zu ihr zu gehen, kam zu überraschend, um ihn abzulehnen. so ging ich mit zu ihr, um ihre sorgen zu hören, vielleicht auch in der hoffnung, ihr helfen zu können.
ihre mutter war nicht sehr überrascht, als sie mich sah, es schien, als sei sie unerwarteten besuch gewöhnt. nach dem essen setzte sie sich ans klavier und spielte "für elise ", eines meiner lieblingsstücke. die töne klangen sanft an mein ohr, sie waren harmonisch; ich gl~ube, sie spielt ganz gut. der blick, der aus ihren schönen, großen augen zu mir durchdrang, war eine mischung aus freude, trauer und resignation. vielleicht war auch ein wenig hoffnung darunter, so genau läßt sich das hinterher nicht sagen.
ihre stimme klang ehrlich und zugleich zweifelnd, aber mehr an sich selbst zweifelnd. ich verstand ihre probleme, mir war immer alles klar, doch helfen,
einen rat geben, konnte ich nicht. ich holte statt dessen probleme aus der vergangenheit hervor, die den ihren ähnlich waren, und verglich, machte mir gedanken, sprach diese aus und wartete ihre reaktion ab.
sie setzte sich für kurze zeit wieder ans klavier und spielte bachs präludien, die ein wenig schwermütig klangen, es kann aber durchaus sein, daß ich mir das nur einbildete. ihre finger eilten flink über schwarze und weiße tasten, riefen schöne, heitere und traurige melodien ins leben. irgendwann brach sie ihr spiel ab und setzte sich auf das nachtspeichergerät. ich fragte mich, wie sie das wohl aushielte, weil der speieher doch fast heiß war, aber sie schien sich wohl darauf zu fühlen. sie sagte, daß sie wärme brauche und daß sie schnell friere.
später gingen wir spazieren, liefen einen alten weg noch einmal; einmal hatten wir ihn nachts begangen. bei tag sah alles so anders aus. wir setzten uns auf eine bank und ihre sorgen waren mir so nah und doch zu fern, um auf sie einfluß nehmen zu können.
wir gingen zur kirche, wo sie auf der orgel üben wollte. sie mußte für einen gottesdienst ein paar, wie sie es nannte, schreckliche lieder einüben. doch der pfarrer war mit ein paar schülern in der alten kirche und gab ihnen unterricht. damit war das orgelspiel unmöglich geworden. die schrecklichen lieder blieben ungespielt, wenigstens vorläufig.
wir aber setzten unseren spaziergang fort, liefen über hügel in einen wald. die bäume waren kahl, vereinzelt hingen erfrorene, braune blätter an ihnen. totes laub bedeckte den boden, auf dem wir gingen. vereinzelt lag noch schnee, der die letzte wärmeperiode überdauert hatte und nun gefroren war. es war winter, zweifelsohne, dennoch sah es noch nicht nach winter aus. die großen schrieefälle standen noch bevor. das grün der gräser durfte noch für kurze zeit seine farbe behalten.
wir setzten uns auf baumstümpfe und redeten weiter. gingen manchmal ein bißchen tiefer in die vergangenheit, blieben aber ansonsten auf den baumstümpfen. die worte wechselten fast unmerklich ihre besitzer. der sinn ihrer worte drängte sich mir sanft auf. sie erzählte von sich, kam sich so überflüssig vor und wollte mir nicht glauben, wie wertvoll sie ist.
sie erzählte von ihren gefühlen und stellte diese in frage. ich spürte die angst vor enttäuschung und ich konnte ihr die angst nicht nehmen. wie konnte ich es auch, da es mir ähnlich erging. wie kann ich ihre angst annehmen oder gar an mich reißen, wenn meine eigene mich schon genug bedrängt. aus dieser angst trafen sich unsere blicke, die sich so viel zu sagen versuchten, es aber nicht konnten. so verließen sie sich, glitten ab über sanfte hügel, über berge, an den horizont, um sich wieder zu treffen und erneut abzuschweifen.
es war kalt und schwere wolken hingen über uns, die schnee androhten, diese drohung aber doch nicht in die tat umsetzten.
sie erzählte mitten in diese nutzlose drohung einen traum. sie weinte und sah, wie alle menschen in ihren tränen ertranken. ich stellte mir das vor und war fasziniert. in ihren tränen zu ertrinken, mußte doch ein schöner tod sein. jedenfalls besser, als sich unter züge zu schmeißen oder von türmen zu springen.
wir standen auf und rannten über die wiese, überstiegen stacheldrähte und plötzlich waren die sorgen so fern. wir rannten und rannten, blieben stehen, sahen uns in die augen und lachten. "wie schön, wieder lachen zu können." sagte sie und rannte weiter. wir sprangen über rinnsale und bäche, durchquerten schneefelder und standen schon vor ihrem haus.
wir gingen hoch und sie setzte sich ans klavier und spielte "für elise". ihre kalten finger versuchten ihr bestes, doch bei den schnellen läufen kapitulierte sie. sie drehte das radio an und setzte sich auf das sofa, vielmehr legte sie sich halb darauf. ihre langen schönen haare fielen ihr sanft ins gesicht. ihre haltung war so anmutig, so schön. wenn ich ein maler wäre, würde ich dieses bild heimtragen und malen und nicht eher aufhören, bis es die schönheit meines eindruckes erreicht hätte. aber ich bin kein maler, ich werde dieses bild in mir tragen und es wird langsam verblassen und eines tages nicht mehr existieren. es wird gelöscht und überspielt werden.
es wurde dunkel und die dunkelheit legte sich auf ihr gesicht, machte es fast unkenntlich, ließ nur noch seine konturen erkennen. die zeit verstrich, die dunkelheit nahm zu, bis ich es nicht mehr aushielt und licht machte. doch auch das licht konnte nicht über die nähe der nacht hinwegtäuschen und über die nähe der trennung.