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Kriegsende Mai 1945
Vor 80 Jahren
endete der zweite Weltkrieg, den Nazideutschland unter Adolf Hitler am
01.09.1939 mit dem Überfall auf Polen begonnen hatte, und der in
Deutschland am 08.05.1945 mit der bedingungslosen Kapitulation endete.
Ich möchte
hier über das Schicksal von drei Menschen berichten, meinem Großonkel
Mirco (Fritz) Hauk und meinen beiden Großvätern Johann Sam und Hugo
Schwarz. Deren Schicksale unterschiedlicher kaum sein können. |
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Fritz Hauk ist der zweite Sohn von Janos (Johann) und Maria Hauk,
geborene Sam. Er wächst, wie sein Bruder Johann als Donauschwabe in der
Baranja im Grenzgebiet Ungarn, Jugoslawien und Serbien auf.
Als er
eingezogen werden soll, desertiert er und schließt sich Titos Partisanen
an und nennt sich Mirco. Ich habe Mirco nie kennengelernt, als meine
Großeltern mit meinen Eltern ihn 1972 in Belgrad besuchen, bin ich nicht
dabei. Das Bild stammt von diesem Besuch.
Was er im
Krieg erlebte, darüber gibt es keine Berichte, ob er mit seinem Bruder
darüber geredet hat, ist unbekannt. Nach dem Krieg blieb er in
Jugoslawien, heiratete eine Serbin und lebte mit ihr und seinen Kindern
in Belgrad. |
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Mein Opa mit seinem Bruder Fritz, bei
Besuch 1972 in Belgrad. Fritz der sich Mirco nannte, blieb nach dem Krieg in Jugoslawien. |
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Johann Sam wurde am 01.06.1907 in Darda (heute Kroatien) geboren. Er war
evangelisch und Sozialdemokrat. Eigentlich hieß er Johann Hauk, seine
Schulzeugnisse sind auf diesen Namen ausgestellt. Als er Katharina Folk
heiraten will, stellt sich heraus, dass er geboren wurde, als seine
Eltern noch nicht verheiratet waren. Die versäumten, ihn als ehelich zu
legitimieren, deshalb hatte er den Familiennamen seiner Mutter. Um die
katholische Katharina zu ehelichen, muss er konvertieren.
1936 kaufen
Katharina und Johann ein Stück Land mit einem Wohnhaus auf dem
Gemeindegebiet von Baranjaban und leben dort mit ihren Kindern Hans und
Anna. Der Krieg bleibt in der Baranja zunächst ohne Spuren und Folgen.
Opa Johann sagt: „Wenn die Wehrmacht mich einzieht, dann ist der Krieg
verloren“.
Doch im
Frühjahr 1944 muss auch Opa in den Krieg. Als sogenannter Volksdeutscher
kommt er zur Waffen-SS. Doch er hat Glück. Wegen Mangel an Öl wird
Holzkohle kriegswichtig. Opa kommt zu einer Köhlereinheit in den
Wienerwald. Und er hat einen Kommandanten, der es einerseits schafft,
seine Leute aus den sinnlosen Kämpfen herauszuhalten und andererseits
auch verhindern will, bei der Roten Armee in Kriegsgefangenschaft zu
kommen, die dabei ist Wien einzunehmen. Er befiehlt den Fußmarsch über
500km nach Flossenbürg und begibt sich dort mit seinen Leuten in
amerikanische Kriegsgefangenschafft.
Als
Angehöriger der Waffen-SS wird mein Opa im ehemaligen KZ gefangen
gehalten. Aber die Amerikaner merken schnell, dass Johann Sam nicht
wirklich zur SS gehört. Ihm fehlt das wichtigste „Zeichen“, die
eintätowierte Blutgruppe im Oberarm. Opa spricht fließend ungarisch und
serbokroatisch und arbeitet als Dolmetscher für die Amerikaner.
Schon im
Herbst 1945 wird er entlassen und kann zu seiner Familie, die nach der
Flucht aus der Baranja im Herbst 1944 in Niederleierndorf, Niederbayern
gestrandet ist. Über diese erste Zeit in Niederleierndorf spricht er
voller Bitterkeit, beklagt sich über die Bauern und Pfaffen, die sich
die Care-Pakete, die eigentlich für die Flüchtlinge bestimmt sind, unter
den Nagel reißen. Er muss noch um das Holz der Verpackungskisten
betteln. |
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| Mein Opa Johann 1929 in Darda. | ||
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Doch die
Familie bleibt in Niederleierndorf, sie bauen sich ein bescheidenes
Häuschen, Opa findet arbeitet als Heizer in der Muna zunächst bei den
Amerikanern, später bei der Bundeswehr. Gemeinsam mit Oma betreiben sie
eine kleine Landwirtschaft mit Hühnern, Enten, Gänsen und Hasen. In
gleich mehreren Gärten wachsen Bohnen, Tomaten, Paprika sogar Mohn, der
selbst verarbeitet wird. Die Großeltern leben weitgehend autark. Das
wenige, was sie sonst noch brauchen, wie Fleisch, Wurst und Brot können
sie aus dem Verkauf ihrer Produkte erwirtschaften. Omas Eier sind
berühmt, in einer Zeit in der Supermärkte Eier verkaufen, denen
anzuschmecken ist, dass die Hühner mit Fischmehl gefüttert wurden. Mehr
bio wie bei den Großeltern ging gar nicht. |
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| Familie Sam vor dem Haus in Niederleierndorf, Großeltern mit Kindern, Partnern und Enkeln. | ||
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Als Opa in
Rente geht, pachtet er ein damals brachliegendes Land in der Nähe des
Waldes. Die Großeltern machen es fruchtbar, bauen Kartoffeln und Bohnen
an. Opa legt sich Bienen zu. |
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| Opa im Moos. Als ich ihn kurz vor seinem Tod im Krankenhaus besuchte, sagte er: "Wenn im Frühling die Bienen im Moos fliegen, dann ist der alte Sam nicht mehr dabei." | ||
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Hugo Schwarz,
mein anderer Großvater hatte dieses Glück nicht. Er wird am 23.06.1908
in Queetz als Sohn von August und Helene Schwarz, geb Bunk geboren.
August Schwarz
war als Arbeiter im Gut Großschmückwalde angestellt, Hugo arbeitete dort
später als Schweizer (Melker) unter seinem späteren Schwiegervater.
Die Mutter
Erna Lukowski wurde am 15.04.1915 geboren, sie stammte aus etwas
besseren Verhältnissen, die Ehe mit Hugo wurde deshalb nicht als
standesgemäß betrachtet. Aus der Ehe gingen fünf Kinder hervor.
Auch an
Ostpreußen geht der Krieg zunächst ohne größere Folgen vorbei. Hugo
Schwarz kann sich als Helfer in der kriegswichtigen Landwirtschaft
zunächst seiner Einberufung zur Wehrmacht entziehen. Doch Anfang 1944,
da ist sein Sohn Heinz gerade ein Jahr alt, wird er eingezogen und kommt
an die Ostfront. |
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| Die Eheleute Schwarz, das Bild muss 1944 entstanden sein. | ||
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Weihnachten 1944 ist er zum Fronturlaub zum letzten Mal bei seiner Familie. Seine Frau Erna glaubt noch immer an den Endsieg und verehrt Adolf Hitler. Hugo fordert sie auf zu flüchten, er sagt: "Nimm die Kinder und geh in den Westen, der Krieg ist verloren. Und wenn die Russen uns das antun, was wir ihnen angetan haben, dann Gnade uns Gott."
Zu dieser Zeit
war er beim Pionier-Ersatz-Bataillon 311 eingesetzt. Im Januar 1945
wurde das Bataillon in Lötzen vernichtet. Bei den Kämpfen erlitt das
Bataillon insgesamt 160 Vermisste. Doch Hugo Schwarz überlebte und kommt
zum Pionier-Ersatz-Bataillon 30, das ebenfalls Anfang Februar 1945
vernichtet wird. Hugo Schwarz überlebt erneut und meldet er sich am
18.02.1945 wieder beim Wehrmachtskommando.
Aus heutiger
Sicht mag das kaum nachvollziehbar sein, da die Lage aussichtslos war.
Anderseits erschoss die SS auch in dieser Situation noch Deserteure.
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| Das vermutlich letzte Bild von Hugo Schwarz, Weihnachten 1944. | ||
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Das Grenadier-Regiment 1143 zu dem er eingeteilt wurde, bestand
eigentlich kaum noch aus regulären Soldaten, es wurde dann auch in 561.
Volksgrenadier-Division umbenannt. Diese Truppe bestand vor allem aus
der Hitlerjugend und dem Volkssturm. Nur noch wenige Soldaten wie Opa
gehörten dazu.
Seit 1945,
also seit 80 Jahren haben wir in Deutschland Frieden, wir lernten nur
den „kalten Krieg“ kennen, nicht den wirklichen. Wir blieben von
Gräueltaten und Kriegsverbrechen verschont, mussten keinen Hunger
leiden. Die Gnade der Spätgeborenen.
Die Zeitzeugen
sterben langsam aus, umso wichtiger ist, dass wir die Erinnerung an
diesen Krieg bewahren. |
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