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Lange Linien

Aus einer bekannten Familie.
rio's-Gründer und -Inhaber Julian Aicher (* 20. März 1958) ist Sohn von Inge Aicher-Scholl (11. August 1917 - 4. September 1998) und Otl Aicher (13. Mai 1922 - 1. September 1991).

Inge Aicher-Scholl veröffentlichte 1952 das Buch "Die Weiße Rose". Sie schilderte darin den Anti-Nazi-Widerstand  der studentischen Gruppe um ihre Geschwister Hans Scholl (22. September 1918 - 22. Februar 1943) und Sofie Scholl (9. Mai 1921 - 22. Februar 1943). Die von ihr 1946 mitbegründete "vh ulm" ("Ulmer Volkshochschule")  leitete Inge Aicher-Scholl bis 1974. Ohne eigenes Abitur.

Die vh ulm arbeitet noch heute.  

Mehr zu Inge Aicher-Scholl in www.ingeaicherscholl.de

 

Otl Aicher gründete mit anderen - darunter seiner Frau Inge Aicher-Scholl - 1953 die "Hochschule für Gestaltung" (HfG) in Ulm
1968-1972 diente Otl Aicher als "Gestaltungsbeauftragter" für die Olympischen Sommerspiele Kiel und München 1972.  

Im "büro aicher" von Otl Aicher entstanden über 700 Zeichen. Symbole für eine Verständigung  ohne klassische Schrift. In Fachkreisen "Piktogramme" genannt. Die "Süddeutsche Zeitung" beschrieb Otl Aicher als "Piktogramm-Papst".  

In Otl Aichers "rotis büros"  wurde die Schrifttype "Rotis" entwickelt.  Veröffentlicht 1988.

Julian Aicher

hört seit Jahren immer wieder die Frage: "Wie ist das eigentlich? Wie lebt sich's mit so bekannten Eltern?" Antworten darauf liefert eine Reihe von Texten, die Julian Aicher 2020/2021 geschrieben hat. Ab 22. April 2021 werden sie hier in loser Reihenfolge veröffentlicht. Bis 9. Mai (mehr als?) im Wochen-Rhythmus.

Dabei schildert Julian Aicher auch Traditionslinien. die sein heutiges politisches Verhalten mit prägen.  

 

Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, fehlt die Geduld, so lange zu warten?

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Dort können Sie bei Christine Abele-Aicher ihr Buch "Die sanfte Gewalt. Erinnerungen an Inge Aicher-Scholl"  bestellen.

So lange Vorrat (noch) reicht.
In diesem Buch: Ein Kapitel von Julian Aicher mit Titel:

"Die langen Linien".

Sie, liebe Leserin, lieber Leser, wollen       m  e  h  r      über Julian Aicher wissen?
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Text 1 vom 22.04.2021



"Was anderes" ?

 

"Wie ist das eigentlich? Wie lebt sich’s mit so bekannten Eltern?"

 

Fragen, die ich seit Jahren immer wieder höre.

Eher: seit Jahrzehnten.

 

Dieser Text liefert einige erste Antworten darauf.

 

Antworten etwa auf solche Fragen:

Wie präg(t)en mich Einflüsse, Vorbilder und Erzählungen meiner Mutter und meines Vaters? Wie Äußerungen anderer älterer Verwandter?  Welche Linien zieht das in und durch mein Leben?

 

Doch zunächst mal:

„So bekannt“ oder gar „so berühmt“ – wer ist damit gemeint?

 

Wenn ich in meiner oberschwäbischen Heimat Autobahn fahre, dann erinnern mich Hinweisschilder (auf die Städte Isny und Memmingen) nahe der A 7 und der A 96 an das „büro aicher“. Also an jene graphische (Entwurfs)-Werkstatt meines Vaters Otl Aicher (13. Mai 1922 – 1. September 1991). Die „Süddeutsche Zeitung“ beschrieb ihn als „Piktogramm-Papst“. Also als prägender Ideen-Geber und (Mit-)Entwickler von rund 700 Zeichen – vom Hinweis-Täfelchen - sowohl zur Toilette bis hin zur Landmaschine – bis zum Symbol für bestimmte  Alltagsgegenstände (wie Telefone) und Sportarten. Möglichst international verständlich. Und von anderen weiter entwickelbar. Zum Beispiel teils weiter entwickelt als „Ficktogramme“ im „Plaboy“. Über sie schmunzelte Otl Aicher mal milde.

Mein Vater also als Bild-Sprachen-Genie. Otl Aicher – über Grafiker-Kreise `raus international bekannt als „Gestaltungsbeauftragter“ der Olympischen Sommerspiele München und Kiel 1972. Und als Mitgründer und zeitweiliger Rektor der „Hochschule für Gestaltung“ (HfG) Ulm (1953 – 1968).

 

„So bekannt“ oder „so berühmt“. Das gilt nicht minder für meine Mutter Inge Aicher-Scholl (11. August 1917 – 4. September 1998).  Im Mai 1952 veröffentlichte sie das Buch „Die Weiße Rose“. Es beschreibt vor allem das Leben und Sterben ihrer Geschwister Hans Scholl und Sofie Scholl.  (Sofie schrieb sich selbst mehrmals mit f.) Das Buch schildert also Mitglieder einer Gruppe hauptsächlich von Studentinnen und Studenten. Einen Freundeskreis. Sie hatten besonders von München und Hamburg aus ab 1942 zum Widerstand gegen die Nazi-Diktatur aufgerufen. Heimlich – da damals streng verboten. Meist mit Flugblättern. Die meisten davon wohl per Post verschickt.

 

Inge Aicher-Scholl (bis Mai 1952 noch Inge Scholl) schrieb dieses Buch als älteste Schwester von Hans und Sofie Scholl. Beide am 22. Februar 1943 im Gefängnis München-Stadelheim enthauptet. Kurz bevor das Fallbeil auf seinen Nacken zuraste, soll mein Onkel Hans Scholl noch gerufen haben: „Es lebe die Freiheit!“

 

Mit Hans und Sofie Scholl starb am gleichen Tag ihr Studienfreund Christoph Probst. Selbst junger Familienvater. Später die Kommilitonen Alexander Schmorell und Willi Graf sowie Professor Kurt Huber.  In Hamburg Hans Leipelt. Sie wirken heute, 2021, als Namensgeber für viele Schulen, Straßen und Plätze. Sofie Scholls Büste schaffte es 2003 gar ins bayerische „Walhalla“.

 

Meiner Mutter Inge Aicher-Scholls Buch „Die Weiße Rose“ fand sein Lesepublikum  in etlichen Sprachen – wohl weit über eine halbe Million mal gedruckt.

 

Wie erlebe und spüre ich als Sohn solch berühmter Eltern diese Verwandtschaft? Wie prägt(e) mich das? Was empfinde ich als Neffe von Häuptern der deutschen Widerstandsbewegungen gegen die Nazi-Verbrecher von solchen familiären Verbindungen? Welches Licht strahlt daraus ab? Welche Schatten wirft’s? Und falls ja – wie aus ihnen `raustreten?

 

 

 

„Was besseres?“

 

„Wenn man das weitermachen soll, dann müsst Ihr das jetzt übernehmen.“ Diesen Rat, diesen Wunsch hörte ich wohl ums Jahr 2000 von meiner Tante Elisabeth „Lisl“ Hartnagel-Scholl (27. Februar 1920 – 28. Februar 2020).

Sie hatte nach dem Tod meiner Mutter Inge Aicher-Scholl 1998 die Aufgabe übernommen, vor allem an Schulen über die „Weiße Rose“ und andere Widerstandsgruppen gegen die Nazi-Diktatur zu berichten. Als letzte lebende Schwester von Hans und Sophie Scholl. Elisabeth starb am 28. Februar 2020 – einen Tag nach ihrem 100sten Geburtstag. Wenn also am 9. Mai 2021 nicht wenige an den 100sten Geburstag von Sofie Scholl denken, dann wohl die wenigstens mit dem Wissen, dass in dieser Familie tatsächlich eine das 100ste Lebensjahr erreicht hatte.

Informieren über „Freiheits“-Linien deutscher Geschichte. Bereits während der Bauernerhebungen 1523/1525 soll auf einer Fahne das Wort „Freyheit“ gestanden sein – so ein Druck aus damaliger Zeit. „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ als wichtige Revolutions-Forderung in Paris 1789. Die „Freiheits-Statue“ in New York. „Freiheit“ – 1943 gefordert von einem Verwandten von mir.

Persönlich lernte ich (* 20. März 1958) Hans und Sofie Scholl nie kennen. Aber aus rund 1.000 bis 1.500 Seiten „Fach“-literatur. Und noch mehr aus Berichten von Leuten, die die Widerstandsmutigen noch hautnah erlebten: Inge Aicher-Scholl, Otl Aicher, Elisabeth Hartnagel-Scholl, Fritz Hartnagel, Robert Scholl, Hedwig Maeser, Anna Aicher …

 

In dieser Rolle als „Zweitzeuge“ werde ich seit über 40 Jahren immer wieder gefragt. Ende der 1990er Jahre stand ich vor einer Hauptschulklasse. Ihr sollte ich über die „Weiße Rose“ erzählen. Kurz vor Ende der Stunde meldete sich ein Schüler. „Sind Sie `was besseres?“, fragte er.

Meine Antwort: „Nein. Nicht was besseres. Aber vielleicht was anderes.“

 

Denn: Wer wird schon vor dem herzhaften Hand-Nach-Klopfen einer frisch geklebten Briefmarke zögern, weil die dort gezeigten eigene Verwandte sind? Oder: Wer hört auf der Straße „Glückwunsch zur `tagesschau‘“, nachdem ich in dieser Sendung am 22. Februar 2018 zur Gedenkfeier im Gefängnis München-Stadelheim gesagt hatte: „Das berührt mich“ ? Oder die Bestätigung „Ich fand’s toll, dass Du da so offen warst“, nachdem ein längeres Gespräch mit mir am 17. Oktober 2017 bei „Ken FM“ erschienen war.

 

Als Radio „Bayern 2“ im Januar 2014 berichtete, das Fallbeil, unter dem mein Onkel Hans und meine Tante Sofie 1943 starben, sei jetzt wieder entdeckt worden (und nicht in der Donau versenkt, wie es lange Zeit hieß), da meinte ich zu meiner Frau Christine Abele-Aicher: „Ich muss mich jetzt erstmal hinsetzen.“

 

Zufall, dass ich mit einer schönen Frau verheiratet bin, deren Großvater als Nazi-Gegner im Gefängnis Schwäbisch Gmünd gesessen war? Vor Hitlers Diktatur hatte Bäckermeister Johannes Abele (4. Februar 1896 - ) im schwäbischen Waldstetten schon früh gewarnt. Und dann doch diese Schreckenszeit überlebt. Sein ältester Sohn, mein Schwiegervater, erzählt noch heute gelegentlich davon. Die schmackhaften „Briegl“ der Bäckerei von Bruno und Hannelore Abele in Waldstetten bestätigen den Durchhaltewillen lecker.

 

 

 

„Der kennt Dich“

 

Eines Abends kam Christine von ihrer Arbeitsstelle heim und sagte: „Heute hat mal wieder einer respektvoll gestaunt. Und zwar, nachdem ich mit „Ja“ geantwortet habe, als er fragte, ob ich mit Aichers verwandt bin.“ „Oh nein – nicht schon wieder Otl Aicher!“, dachte ich. „Nein, nein“ beruhigte mich meine Frau: „Der kennt   D i c h .  Von den Rockkonzerten, die Ihr früher hier in der `rotisserie‘ veranstaltet habt.“ Also meist bestens besuchte Veranstaltungen mit guten Tönen unter einem beschaulichen Gewölbe – wohl um 1900 von italienischer Meisterhand gefertigt und 1970/71 nach Plänen meines Vaters Otl Aicher zur Kantine für sein „büro aicher“ umgestaltet. Ein Raum fast wie eine kleine Kirche. Ursprünglich hier in der Rotismühle bei Leutkirch genutzt als Viehstall („20 GV“). Wohl in einer Zeit, da Kühe auch in Deutschland noch als `heilig‘ galten.

Dort traten 1994-2000 auf: die „Tiger Lillies“ aus London, „three seasons troiseme sex“ aus Leutkirch, „Rosi Ledet & her Psydeco Playboys“ aus Louisiana, „Revolution Number 9“ aus Freiburg, „Bullfrog“ aus dem Westen „Patent Ochsner“ aus der Schweiz – und sogar Eric „Wrecless“ Goulden, der „Grandfahter des Punk“. Selbst die „Banana Fishbones“ dröhnten hier. Und etliche mehr. Manche von ihnen kannten mich bereits aus meinen drei Büchern über „Rockszenen der Oberschwäbischen Privinz“. Erschienen 1987-1998. Gesamtseitenzahl: 1004.

 

Doch trotz all solcher Eigenleistungen erinnerten sie immer wieder an die Bilder meiner Familien-Herkunft: die Berichte über Hans und Sofie Scholl. Und ihre Geschwister samt Freundinnen und Freunden. Wer waren die? Wie prägten mich meine Eltern Inge Aicher-Scholl und Otl Aicher? Vermutlich  eine so eher seltene Position als Sohn bekannter Eltern. Zumal als Nachfahre von Leuten, die viele als „Helden“ verehren. (So äußerte es zum Beispiel Karl Graf von Stauffenberg über die „Weiße Rose“.)  

Und doch bin ich auch Enkel des Installateurs Anton Aicher (9. November 1895 – 13. April 1969). Selten öffentlich erwähnt, tauchen Erzählungen über diesen eigenwillig-mutigen Mann doch immer wieder auf, wenn sich die zweite Generation nach ihm trifft. Zum Beispiel der Spruch: „Ich bringe den Feierabend mit.“ Vom Opa wohl gesagt an jenem Tag, als der Vater meines Vaters (1932?) von seiner Arbeitsstelle entlassen worden war. Das sollte ihm nicht noch einmal passieren. Von da an bestritt er „selbständig“ sein Einkommen. Später sogar als Chef der „Weltfirma“ „Aicher & Schmid“ – wie’s mir mal ein Memminger Installateurmeister respektvoll sagte. Und mit klarer Haltung. Anton Aicher und seine direkte Familie in der Glockengasse 10 in Ulm-Söflingen gehörten 1933-1945 nicht Hitlers Nazipartei NSDAP an. Den I. Weltkrieg (1914-1918) hatte Anton Aicher selbst als Soldat mit erlebt. Einen zweiten wollte er nicht.

 

Sein Friedenswille scheint Anton Aichers Familie nicht wirklich geschadet zu haben. Denn kurz vor seinem Tod ragte über die Dächer der Ulmer Weststadt ein mehrstöckiges Gebäude auf. Oben dran mit weit sichtbaren Lettern: „Aicher & Schmid“. Beim Schreiben dieser Zeilen wächst in mir die Erinnerung an die Zusammenarbeit mit einem kleinen Immobilien- und Solarbüro zwischen 2000 und 2010 - schräg gegenüber dem vergeichsweise wuchtig Aicher’schen Mehrstöcker an der gleichen Söflinger Straße.  Das Büro arbeitet dort nicht mehr, aber das von Anton Aicher mit-begonnene (und wohl von Max Bill geplante) Mehr-Etagen-Haus steht noch in Besitz einer Enkelin des Handwerksunternehmers – wenn auch ohne Schriftzug „Aicher und Schmid“.

Ja – da war sogar noch mehr: Anton Aicher soll Anhänger des „Schwundgeld“-Entwicklers Silvio Gesell gewesen sein. „Ich weiß nicht – aber manchmal glaube ich, unser Opa Anton wohnt inzwischen in meinem Geldbeutel. Fast immer wenn was drin ist, ist es schon wieder weg“, meinte ich um 2019 mal augenzwinkernd zu meiner Cousine Elisabeth.

 

Zufall also, dass sowohl meine beiden Brüder als auch ich die meiste Zeit unseres Berufslebens bisher `selbständig‘ gearbeitet haben? Und: Wir alle drei waren von unserem Vater Otl Aicher dazu angehalten worden, im hiesigen Anwesen Rotismühle (südwestlich von Memmingen) bei hand(werklicher) Arbeit mit zu helfen. Deshalb auch leichter „mit der Hand zu denken“, wie es mein Papa mehrmals sagte? Auf den meisten selbst gepflasterten Bereichen dieses Areals herrschte Parkverbot. Außer den Fahrzeugen der Eltern, ausnahmsweise ganz wichtiger Kundinnen oder Kunden – und (wie selbstverständlich) der Handwerker, die hier immer wieder zu tun hatten. Mein Vater lud sie fast jedes Jahr einmal alle in den Saal „rotisserie“ zum Essen ein. Handwerk war ihm (fast) heilig.

 

Mir blieb der Respekt. Hochachtung vor denen, die (manchmal mehr) als acht Stunden eines Tages körperlich vergleichsweise anstrengend arbeiten. Und gelegentlich mal der eigene Griff zum Werkzeug – wenn auch oft nicht der vollständig geübte.

Und dann manchmal doch der zupackende: In den 1990er Jahren hieß es mal während eines Fests von und mit Behinderten in unserer Rotismühle: Das Klo ist verstopft. Samstagnachmittag – wo da handwerkliche Hilfe herholen? Da fiel er mir wieder ein, der Rat von meiner Oma Anna Aicher (11. Mai 1895 – 11. August 1980): In solch einem Fall einen stabilen „Stecken“ (also Stock) nehmen, „einen Lumpen fest rumwickeln“ – und damit den Ausfluss der (etwas mit Wasser gefüllten) Toilettenschüssel kräftig „pumpen“. Gehört, gelernt? Es kam auf ein Versuch an. Erfolgreich. „Leute, wir können weiterfeiern. Der Kloabfluss ist wieder frei“, sagte ich der Festgemeinde – zufrieden mit dem Geschafften.

 

Tipps, Vorbilder, Erzählungen: Was die Älteren da uns Nachwachsenden beigebracht hatten, wirkt nach. Vielfältig. Bis in den eigenen Alltag `rein.

 

Mehr noch: Fast direkt nach Schreiben dieser Zeilen die Erinnerung an meine Klein-Kind-Zeit. Da ließ sich in unserem Haus am Ulmer Hochsträß 20 (einem Lehrer-Gebäude der „Hochschule für Gestaltung“) die Klospühlung nicht zurück zum „Stopp“ bringen. Angst vor dem Überlaufen der Toilettenschüssel? Auf jeden Fall Alpträume davon. Spätestens jetzt, nach eigener Reparatur des Klo-Abflusses in Rotis während des Fest in den 1990er Jahren wirkten diese Ängste wie weggespült. Therapie dank dem Tipp von meiner Oma Anna Aicher.

 

Lange Linien. Vielfältig prägend. Auch die eigene Arbeitswelt. Beim Buch „Weiße Rose“ blieb es nicht. Meine beiden Eltern veröffentlichten nach 1952 weitere Bände. Daher wohl nicht ganz verwunderlich, dass auch wir drei Söhne uns an solche Aufgaben wagten? Mit Gottes – und anderer Leute – Hilfe könnte ich 2021 mal wieder einen gedruckten Band `rausbringen.

 

Lange Linien. Mal kurvig. Auch mal verkreuzt. Und nicht immer auf den ersten Blick nach zu verfolgen.

 

Aber: Sie prägten mich, banden mich ein – sicherten vielelicht auch? Offenbar lange  - und daher immer wieder erkennbar. Grundlegender als zum Beispiel  begrenzende Vorgaben mancher, die selbst besser zu wissen glauben, was demokratisch und „anständig“  ist. 2020 stand auf Plakaten mein Name als Redner bei Veranstaltungen für die im Grundgesetz garantierten Grundrechte. Da beschimpftem manche die Veranstalter – und mich - wegen „historisch politischer Erbschleicherei“.

Solche Vorhaltungen hatte ich zuvor nie gehört oder gelesen, wenn ich an offiziellen Gedenkveranstaltungen teilnahm. Oder auch an Schulstunden. Offenbar kommt es sehr darauf an, ob das „historisch politische Erbe“ der Verehrung der Staatsverwaltung und ihren Geldempfängern dient – oder eben „nur“ den Grundrechten, die das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland nennt

 

An diese Grundrechte zu erinnern, und sie zu wahren, scheint mir tatsächlich eine der längeren Traditionslinien meiner Herkunftsfamilien zu sein. Unter anderem angelegt von meinen Eltern Inge Aicher-Scholl und Otl Aicher.

Zum Beispiel beeinflusst vom politischen Verhalten meiner Mutter. Obwohl Volkshochschul-Mitgründern und 1946-1974 Leiterin einer öffentlichen Einrichtung, organisierte Inge Aicher-Scholl in den 1960er Jahren die „Ostermarsch“-Demonstrationen gegen Rüstung und Krieg in Ulm.  1963 gehörte sie in der Donaustadt zu jenen, die sich gegen die geplanten „Notstandsgesetze“ aussprachenen. Zusammen mit zwei vergleichsweise jungen Richtern – darunter ihrem Schwager Fritz Hartnagel  (4. Februar 1917 – 29. April 2001). Sie äußerten ihren Protest öffentlich – zum Beispiel mit 30.000 Flugblättern.  1963 – kurz nach der „Kubakrise“ vom Oktober 1962, die die Welt ziemlich nahe an den Abgrund eines Atomkriegs geführt hatte.

Bundesinnenminsister Herman Höcherl (CSU) soll sich 1963 bis ins benachbarte Neu-Ulm vorgewagt haben, um über die „Freiheitsfanatiker“ von Ulm zu lästern. Ja – meine Eltern ließen sich 1985 sogar zur „Sitzblockade“ auf der Straße zum Atomwaffenlager Mutlangen nieder. Die Polizei trug meine Mutter weg. Das Amtsgericht Schwäbisch Gmünd verurteilte sie deswegen zu 800 Mark Strafe. Mutiges Auftreten für wichtige politische Ziele.

Jahre später hob das Bundesverfassungsgericht das Urteil auf: Sitzen auf der Straße sei keine „Nötigung“.

 

Andererseits: Benno Grzimek - ein guter Freund der Familie Aicher - sagte zu mir: „Deine Mutter ist schon manchmal sehr ängstlich.“ Anlass: Sie hatte ihn gewarnt: „Fall‘ die Treppe nicht runter!“ Dabei kannte er den Weg zum Keller seit Jahren. „Auch Du hast manchmal mehr Angst als nötig“, erklärte mir Benno später. Ein „Feuerlauf“ einige Wochen danach auf über 500 Grad heiß glühendem Holz sollte dagegen helfen.

 

Ich hätte „Nerven wie Drahtseile“. So zumindest schrieb‘s mir eine journalistische Freundin im Herbst 2020. Zuvor hatten mich  Zeitungen angegriffen, weil ich 2020 als „Sohn von Inge Aicher-Scholl“ oder „Neffe von Sophie Scholl“ als Redner bei Kundgebungen angekündigt worden war. Bei öffentlichen Versammlungen für Grundrechte. Meine fast rück-fragende Antwort an die Schreiberin: „Vielleicht wegen der Resilienz aus Familientradition?“

Lange Linien also? Mehr dazu in dieser Rubrik „Lange Linien“.  Ab jetzt, 22. April 2021, voraussichtlich immer ab da wieder hier.

 

Demnach schon am oder bis 29. April 2021 geht’s hier mit einem neuen Text weiter.

Oder gar früher?

Vielleicht dann auch mehrmals pro Woche?

Klicken Sie also bitte ruhig immer wieder rein in diese Rubrik „Lange Linien“
Text 01 vom 22.04.2021

Text 02 vom 02.05.2021

Text 03 vom 06.05.2021 




Text 2 vom 2. Mai 2021

 

 

„Fangen wir an“

 

„Fangen wir an. Hier in Ulm“. Diese Aufforderung meiner Eltern Otl Aicher und Inge Aicher-Scholl gilt manchen fast als eine Art Grundsatz-Parole. Entstanden in den ersten Jahren nach dem II. Weltkrieg (1939-1945). Also in einer Zeit, da die Donaustadt großenteils in Trümmern lag. Ruinen nach furchtbaren Bomben-Nächten.

 

Wie oft erzählten mir meine Mama und mein Papa von den Glühbirnen, die sie nach frühen Vorträgen ab 1946 in der „vh ulm“ (der „Ulmer Volkshochschule“) aus den Fassungen drehten und mit Heim nahmen, damit sie nicht geklaut würden.

Also nach Informationsabenden jener „vh ulm“. Also der „Ulmer Volkshochschule“, die meine Mutter Inge Aicher-Scholl 1946 mit gründete – und bis 1974 leitete. Übrigens: ohne eigenes Abitur.

Die Zeit nach dem Kriegsende 1945. Für meine Eltern offenbar eine spannend-belebende. Neubeginn.

 

„Fangen wir an.“ Los geht’s hier im Text mit ein paar einführenden Hinweisen.

 

Da trafen sich zwei Familien in den ausgehenden 1930er Jahren. Kennengelernt hatten sich zwei Söhne dieser Sippen als Oberschüler in Ulm: Werner Scholl und Otl Aicher.

Beide Familien gehörten zunächst nicht zur Ulmer Prominenz. Sie waren erst nach dem I. Weltkrieg (1914-1918) in die Münsterstadt gezogen.

 

Anton Aicher (9. November 1895 – 13. April 1969) lernte Anna Maria Kurz (11. Mai 1895 – 11. August 1980) als Soldat wohl nach dem I. Weltkrieg (1914-1918) kennen. Als Kamerad von Annas Bruder berichtete Anton Aicher bei seinem Besuch in ihrem damaligen Wohnort Illerrieden südlich von Ulm vom Kriegstot des Gefallenen.

Anna und Anton entschieden sich     f ü r   das Leben. Sie heirateten 1920 – standesamtlich am 5. Juli und mit kirchlichem Segen am 6. Juli. Schon gut sechseinhalb Monate später kam ihr erstes Kind zur Welt: Hedwig (21. Dezember 1920 – 30. Dezember 2020). Es scheint also in den Sommertagen 1920 mindestens einen ziemlich guten Grund für die beiden gegeben zu haben, vor den Traualter zu treten.

Es folgten mein Vater Otto „Otl“ (13. Mai 1922 – 1. September 1991) und mein Onkel Georg (XX XX 1923 – 30. Juli 2011). Habe ich Berichte der drei – und ihrer Mutter Anna – richtig verstanden, dann lebte die Familie mehr oder minder von Anfang an in der Glockengasse 10 in Ulm-Söflingen.

Eine auf dieser Seite eher locker umbaute Straße. Mit je einem mehrstöckigen Gebäude pro Familie. Ein paar (Obst-) Bäume, Wiesen, Gemüsegärten. Teils kleine, eher hauseigene Werkstätten. Nahe der Textilfabrik „Steiger & Deschler“.  Leben zwischen Wohnen und betrieblich Werkeln. Schaffen fürs Einkommen und Sitzen zum Feierabend – mehr oder minder an einem Platz. Mein Vater sprach später manchmal von „Banlieu“ (also das französische Wort für Vorstadt.) Irgendwo zwischen gut- und kleinbürgerlich?

Für das „klein“ mag manche Erinnerung von meinem Papa gesprochen haben. Etwa an Krisenzeiten. „Meine Mutter wollte mit uns ins Wasser gehen“, erzählte er uns mehr als einmal. In die nahe Blau. Nein – nicht zum Baden, eher zum Sterben. Das passt zur Ansage seines Vaters „Ich bringe den Feierabend mit“ über seine Entlassung. Wohl 1932. Für ihn dann Anlass dazu, sich wirtschaftlich auf eigene Beine zu stellen. Mit Firmengründung „Aicher & Schmid“.

Hinweis auf einen dann doch stärkeren Überlebenswillen? Auch wenn „der Weg hart und steinig“ war, wie Anna Aicher in kleinen Ansprachen bei Familienfeiern ein paarmal berichtete. Bevor sie 85jährig starb, hieß es gelegentlich bei Gesprächen in der Familie, die Oma habe gesagt: „Jetzt ist genug.“ Mehrmals sei deshalb auch schon ein Pfarrer zur „letzten Ölung“ an ihr Krankenbett zu Hause bestellt worden.  Darüber eher schmunzelde Berichte im engeren Familienkreis. Ein langes Leben – und dann ein ersehnter Tod. Katholisch begleitet. In Gottes geborgenen Händen.

 

 

 

„Wann kommt denn jetzt die Straßenbahn?“

 

Wie wenig dramatisch das gesegnet gealterte Sterben meiner Oma väterlicherseits wirkte, zeigt sich an meiner Erinnerung von ihrer Beerdigung auf dem Söflinger Friedhof im August 1980. Wir Trauergäste warteten vor der Totenkapelle auf den wohl bald ausgefahrenen Sarg. Über uns die Wellblech-ähnliche Abdeckung des Vordachs. Mit etwas Phantasie ließ sie sich mit einer öffentlichen Haltestelle vergleichen. „Wann kommt denn jetzt die Staßenbahn?“, fragte darunter lächlend mein Onkel Fritz Hartnagel (4. Februar 1917 – 29. April 2001) meinen Bruder Florian. Beide standen leicht schmunzelnd hinter mir. Ich musste mich berherrschen, dass ich nicht laut zu lachen begann.

 

Ein natürlicher Tod, der zum Leben gehört. Ja sogar in seinen letzten, eher kränkelnden Jahren herbeigesehnt von der dann Verstorbenen. Teil einer Famlie, deren Mitglieder alle bis zu solch einem „natürlichen Tod“ lebten. Mit einer Ausnahme: mein Vater Otl Aicher. Er erlag am 1. September 1991 den Folgen eines Verkehrsunfalls. Ähnlich wie meine Schwester Pia (3. Oktober 1954 – 25. Februar 1975). Wer weiß, ob die beiden deshalb heute als Teil einer „Risikogruppe“ bezeichnet werden würden?

Vielleicht umso mehr, wenn dabei auch die Familie meiner Mutter Inge Aicher-Scholl ins Blickfeld genommen wird. In ihr verloren seit 1943 drei Mitglieder ihr junges Leben: Hans Scholl (22. September 1918 – 22. Februar 1943), Sofie Scholl (9. Mai 1921 – 22. Februar 1943) und Werner Scholl (vermisst seit 7. Mai 1944 in Russland). Wohl alle „unnatürlich“.

 

Gewaltsam erzwungenes Sterben. Und doch auch Überlebenswille. Oder gerade deswegen? Meine Mutter erzählte mir, nach der Ermordung ihrer Geschwister durch die Nazi-Justiz am 22. Februar 1943 habe ihr Vater Robert gesagt: „Jetzt schneiden wir uns alle die Pulsadern auf.“  Aus Protest gegen das erlittene Unrecht. Seine Frau Magdalena (5. Mai 1881  - 30. März 1958) soll erwidert haben. „Von wegen! Das wäre doch genau das, was die wollen. Jetzt essen wir erst mal `was.“   (Mit Lebensmittel aus dem eigenen Gemüsegarten in Neu-Ulm?)

Dieser Ratschlag „Jetzt essen wir erstmal `was“ fiel im Haushalt von meiner Frau und mir auch schon mal, wenn staatliche Stellen versuchten, uns mit Drohungen ein zu schüchtern. Etwa mit erkennbarem Ziel, die hiesige kleine Wasserkraftanlage Rotismühle aus zu bremsen. Keine Frage: Nazi-Diktatur 1933-1945 und Bundesrepublik Deutschland (seit 1948) – zwei völlig unterschiedliche Regierungssysteme.  Was klar Unterschiedliches. Aber markante Ratschläge aus der Familiengschichte – vielleicht auch noch Jahre später im Extremfall ermutigend.

 

Liebe fürs Leben. Gegen das Gemetzel des I. Weltkriegs (1914-1918) hatte sich mein Opa Robert Scholl schon während dieser Zeit entschieden. Er leistete seinen Wehrdienst als Sanitätsoldat ab. Dabei lernte er die Diakonisse Magdalena Müller kennen. Zehn Jahre älter als er. Sie heirateten 1916. Sowohl von ihrem ersten Kind Inge als auch von meinem Großvater Robert Scholl selbst hörte ich immer wieder, dass er nach 1919 nicht zu denjenigen Deutschen gehörte, die den „Versailler Vertrag“ als „Schanddiktat“ empfanden. In Harold Nicolsons Buch „Friedensmacher 1919“ (Originaltitel: „Peacemaking 1919“) – „fünfte und sechste Auflage 1934“ (…) „by S. Fischer Verlag A – G / Berlin“ steht der handschriftliche Eintrag: „Meinem lieben Julian zur Erlangung geschichtlicher Wahrheit! Dein Opa Robert Scholl, München 20. März 1972“.

 

Was da politisch mit Ausrufezeichen zum Frieden mahnt, prägt auch meine persönliche Erinnerung an meinen Großvater Robert Scholl. An „männliche“ Herrschaftszeichen – wie etwa lautes Brüllen oder das bedrohliche Hand-Heben – kann ich micht nicht entsinnen. Eher schon freundliches, ja vielleicht sogar gütiges Lächeln, wenn ich als Kind Opa und Oma in München besuchen durfte. Dann nicht mehr Magdalena Scholl, sondern Robert Scholls zweite Frau Anne Scholl (* Plank ?).

 

 

8. Mai 1945. Tag der Befreiung. Was bedeutete das für meine Herkunftsfamilien? Meine Tante Hedwig Maeser (* Aicher) schilderte es meiner Frau Christine Abele-Aicher und mir bei Gesprächen 2011/2012 so: „Alle Menschen sind sich wieder näher gekommen. Man musste vor dem anderen nicht mehr vorsichtig sein. Da ist man auf einmal aufgeblüht.“ (So nach zu lesen in Christines Buch „Die sanfte Gewalt. Erinnerungen an Inge Aicher-Scholl“. Mehr dazu unter www.ingeaicherscholl.de).

Im Juni 1945 ernannte die amerikanische Militärverwaltung Ulms meinen Großvater Robert Scholl (13. April 1891 – 25. Oktober 1973) zum Oberbürgermeister von Ulm. Also einen, der schon mal ein Rathaus geleitet hatte – und als Gegner der Nazis bekannt geworden war. Habe ich es richtig gelesen, dann sorgte er dort unter anderem dafür, dass vergleichsweise viele der stark zerbombten Häuser schneller wieder bewohnbar wurden als Gebäude in anderen württembergischen Städten. Und: Mit dem, was von seiner Familie noch übrig war, kümmerte sich mein Opa mütterlicherseits unter anderem um die Zehntausende von Flüchtlingen, die nach Ulm kamen.

Drei damals nicht mehr ganz junge Damen erzählten mir (wohl 2009), dass Robert Scholl sie und ihre Familien persönlich besucht habe, um nach zu schauen, ob es ihnen in den neuen Wohnräumen gut gehe. Denn die Gewölbe dort waren ursprünglich (1881-1887 gebaut) nicht als dauerhafte Unterkünfte für ziviles Leben entstanden: die „Kehlkaserne“ des „Fort Oberer Eselsberg Nebenwerk“ (nahe dem „Oberberghof“) Ulm. Solche Plätze galten im schwer bombardierten Ulm ab Mai 1945 als besonders wertvoll. So soll etwa ein Brauereichef  im nahen „Fort Unterer Eselsberg“ seinen Platz gefunden haben.

 

 

 

„Macht doch Eure eigene Schule“

 

In dieser Stimmung zwischen dem Ende starker Zerstörungen und einem Neubeginn übernahmen Inge Scholl und deren Freund Otl aber auch noch ganz andere Aufgaben: für einen kulturellen Neubeginn.

Ob es mit dem Fahrrad, per Motorrad oder am Steuer von Anton Aichers „Holzvergaser“ gewesen war  - oder mehrmals in jedem dieser Vehikel: Otl Aicher fuhr von Ulm nach Mooshausen (heute Kreis Biberach). Sein Reiseziel: Romano Guardini (17. Februar 1895 – 1. Oktober 1968). Der Pfarrer, der sich selbst als „katholischer Demokrat“ bezeichnete, hatte sich während der Nazi-Diktatur in das oberschwäbische Dorf zu seinem befreundeten Kollegen Josef Weiger zurückgezogen. Die damals ländlich konservativ-katholische Gegend bot sich wohl zur „inneren Emigration“ an.

Mein Vater lud Guardini 1945 zu Vorträgen in die evangelische Martin-Luther-Kirche nach Ulm ein. Diese Ansprachen Guardinis gelten als erste Vor-Veranstaltungen der damals neuen „vh ulm“, „Ulmer Volkshochschule“. 1946 mit begründet von Inge Scholl – und von ihr bis 1974 geleitet. Romano Guardini traute meine Eltern am 7. Juni 1952 in München, „St. Anna“. Einen Monat zuvor war Inge Scholls Buch „Die Weiße Rose“ erschienen. Danach nannte sie sich „Inge Aicher-Scholl“.

 

Ulm 1945. In vielen Bereichen schwer kriegs-zerstört. Dazu kamen kalte Winter. Zeit, aus zu wandern, um woanders schöner wohnen zu können? Und wärmer? Mein Papa berichtete mir, damals sei er in die Schweiz gefahren (wohl nach Zürich). Dort kaum zu erkennen: Kriegs-Schäden an Häusern. Danach sei er wieder heim nach Ulm gereist. Die eigene Stadt wieder mit aufbauen – so sein Ziel. Selbstverständlich? Vermutlich nicht ganz. Denn während des „III. Reichs“ (1933-1945) hatte Otl Aicher versucht, seine Schwimmfähigkeit so zu trainieren, dass er unbeachtet den Rhein hätte durchquernen können. Zielpunkt: Schweiz.

 

Nach dem 8. Mai 1945: „Fangen wir an, hier in Ulm.“ Eine beinahe Hände reibend zupackende Losung meiner Eltern. Zwar kann ich mich nicht daran erinnern, sie jemals wörtlich von meiner Mutter und meinem Vater gehört zu haben. Aber doch immer wieder Berichte über die Aufbruchstimmung kurz nach dem 8. Mai 1945. Seien es die Glühbirnen, die nach Vorttrags-Abenden der „vh ulm“ aus den Fassungen gedreht wurden – damit sie danach niemand mitnehmen konnte.  Seien es Fahrten, um Rednerinnen oder Redner zu deren Vorträgen in die Volkshochschule ab zu holen. Auch mal während starkem Schneegestöber. Seien es Gasthaus-Besuche mit den Referienden nach den Vorträgen. Ein Hunger auf Zukunft. Erkennbar hielt er Jahre lang an. Denn 1953 waren Inge Aicher-Scholl und Otl Aicher als treibende Kräfte mit dabei, als in den Räumen der „vh“ die ersten Kurse der neu gegründeten „Hochschule für Gestaltung“ (HfG) begannen. Was sie lehrte, hieß später in den USA „verulmen“.

 

„Macht doch Eure eigene Schule!“. Wenn vor allem mein Bruder Manuel und ich in den Aicher’schen Wohnräumen der Rotismühle während der 1970er über wenig Erfreuliches aus dem Gymnasium Leutkirch berichteten, meinte mein Vater manchmal: „Macht doch Eure eigene Schule!“. Wir schüttelten dann den Kopf. Und taten’s später doch einmal öffentlich. Mit Schulfreundinnen und -freunden. In Form einer selbst organisierten Tagung von Schüler- und Jugendzeitungen im Frühjahr 1978 in der Grundschule Leutkirch-Engerazhofen. Die Staatsverwaltung empfand das offenbar als bedrohlich. Sie ließ anschließend ihre Geimpolizei „Verfassungschutz“ ermitteln. Da aber hatte uns bei dieser Tagung mindestens ein älterer Kollege schon erläutert, was das Presserecht erlaubt – und was nicht.

 

Diese Grundkenntnisse – vom „Wochenblatt“-Redakteur  Gunter Schieferdecker aus dem Verlagshaus der Ulmer „Südwest-Presse“ in weniger als zwei Stunden so spannend wie unterhaltend vor einem markant aufmerksamen jungen Publikum vorgetragen – blieben mir als Rüstzeug für mein teils journalistisches Arbeitsleben. Offenbar bewährt. Denn seither hat mich niemand wegen meiner Presseartikel vor Gericht gezerrt. So stark kann lebhaftes Lernen wirken. Ohne „Kultus“-Bürokratie. Und ohne Spaßbremse.

 

Rotismühle, Frühjahr 2021. Ein paar Kinder stapfen ein-, zweimal übers Gelände. Sie sollen künftig öfter hier zu sehen sein? Unterrichtet durch die „Freie Schule Allgäu“? Adresse: Rotis 7. Näher an Blumen, Bäumen und Bienen als an Bildschirmen?  Jetzt in  jenem „böhmischen Gewölbe“ aus der Zeit um 1900, das um 1970 nach Plänen Otl Aichers zur Kantine für sein „büro aicher“ (später: „rotis büros“) umgestaltet wurde. Damals „rotisserie“ genannt. Und damit auch jener Saal, in dem während der 1990er Jahre auf Einladung meines Bruders Florian und mir Leute wie die „alternativen Nobelpreisträger“ Heinz-Peter Dürr und Hermann Scheer gesprochen hatten. Und etliche mehr.  Etwa nahe lebende Biogasbauern beim Nachmittagskaffe für ihre wissbegierigen Kolleginnen und Kollegen. Dabei auch der gleiche Ort, an dem in den 1990ern Rockkonzerte Rotis belebten.

 

Anhaltend prägend. Auf das, was ich dabei über sonnig erneuerbare Energien hören und sehen durfte, kann ich mich heute, 2021, noch zurück besinnen. Als Grundlage immer wieder dann, wenn ich über solch günstig heimische Kräfte berichten darf.  Wissen – erworben von Wissenden. Und bestärkt dann auch durch handfeste Erfahrungen mit dem eigenen Wassertriebwerk in der Rotismühle. Mit gelegentlichem Selbst-Handfest-Zupacken – während der Jahre in Hunderten von Arbeitsstunden.

Also doch „eigene Schule“?  Alte Aufforderungen unserer Eltern – vielleicht bald aktueller denn je? Neue Wege? (Not-?-)Ausgänge aus einem „Schulsystem“, von dem Hirnforscher während der jüngsten Jahre (mehr als ein)mal behaupteten, etwas Wesentliches finde dort in späteren Klassenstufen eher nur ausnahmsweise statt:  Lernen fürs Leben? Stattdessen bald in Rotis Eigeninitiative junger Eltern – und Offenheit meiner Brüder als heutiger Raum-Eigentümer? Lernen in einer Umgebung, in der manch Schönes blüht. Heute sichtbar – auch noch in 20 Jahren? Bald, 2021, ein Anfang. Hier in …

 

Text 3 vom 6. Mai 2021

 

 

Im Schatten

 

„Vom Verfassungsschutz beobachtet“. Dieser Hinweis in „Qualitätsmedien“ soll offenbar die so Überwachten als Staatsfeinde brandmarken. Meine Herkunftsfamilie stand schon öfter auf der Spähliste solcher „Schlapphüte“.

 

(Leutkirch)-Rotismühle. Wohl Mitte der 1970er Jahre. Am Esszimmertisch der Familie Aicher. Unser Vater Otl Aicher erzählt, er habe vor ein paar Tagen Post von einer Behörde bekommen. Inhalt: Meinem Papa sei es diesmal nicht erlaubt worden, Luftbilder anzufertigen. Begründung: Er habe (mit anderen) während der „`Spiegel‘-Affaire“ 1962 eine Erklärung für den damals verhafteten „Spiegel“-Herausgeber Rudolf Augstein unterschrieben.

 

Inzwischen, so mein Vater am aicher’schen Esstisch in Rotis damals in den 1970ern, liege ihm aber die amtliche Fotografier-Genehmigung vor. Wie das? Dazu erklärte uns unser Papa, er habe der Behörde sofort geantwortet: Entweder liegt mir morgen Eure Genehmigung vor – oder Euer Verbots-Geschreibsel übermorgen dem „Spiegel“.

 

„Jetzt weiß ich wenigstens, dass ich bei denen in den Akten stehe“, sagte mein Vater uns Aicher-Kindern damals am Tisch. Seinem Ruf als guter Fotograf hat’s offenbar nicht geschadet. Zusammen mit der „Lufthansa“ veröffentlichte er die Bücher „Flugbild Deutschland“ und „Im Flug über Europa“.  Der CDU  - schon damals Regierungspartei in Baden-Württemberg – verweigerte er allerdings die Rechte, seine Luftfotos zu verwenden. Aus Ärger über den Verbotsversuch. Die Dauer-Regierer mussten ohne Überblick auskommen.

 

 

"Fragen Sie doch die Aichers"

 

 

 

Beobachtet von der staatlichen Geheimpolizei – überwacht von Kontrollbehörden. Das erlebten die Familien Scholl und Aicher immer mal wieder.

 

Zum Beispiel 1978. Im Frühjahr `78 luden wir von der Leutkircher Schülerzeitung „Radieschen im Untergrund“ ein. Und zwar zu einer Wochenende-Tagung der Jugend- und Schülerzeitungen der Gegend. Von Ulm bis Konstanz. Als freier Mitarbeiter des Blatts unterstützte ich damals den verantwortlichen Redakteur, meinen jüngeren Bruder Manuel. Die „Große Kreisstadt Leutkirch“ bot freundlicherweise als Tagungsort ihre Grundschul-Gebäude im Teilort Engerazhofen an. Bedingung: zwei `pädagogisch befähigte‘ Personen sollten während der Veranstaltung gelegentlich nach dem Rechten schauen. Etwa während der Essenszeiten.

 

Diese Aufgabe übernahmen meine Mutter Inge Aicher-Scholl (als ehemalige Volkshochschulleiterin) und Grund- und Hauptschul-Lehrer Wilhelm Schwarz. Ihn kannten wir von der „Arbeitsgruppe Friedenswoche Leutkich“.

 

Ein paar Wochen (?) nach der Tagung rief Schwarz uns an und erklärte: „Mich holte heute jemand vom LVA aus dem Unterricht. Ich fragte: `LVA – Landes-Versicherungs-Anstalt?‘  ‚Nein‘, erfuhr ich, ‚Landes-Vefassungsschutz-Amt‘. Die Person wollte wissen, ob bei Eurer Tagung irgendwelche `verfassungsfeindliche Tendenzen`erkennbar waren. Ich sagte: `Das weiß ich nicht. Ich war ja nur beim Mittagessen und abends kurz da. Aber: Fragen Sie doch einfach die Aichers. Die haben ein Protokoll geschrieben.‘“

 

Vom „Verfassungsschutz“ erhielten wir Tagungs-Veranstaltende nie die Bitte um dieses Protokoll. Allerdings sandte uns die Behörde auch keine schriftliche Bestätigung, dass es bei unserer Zusammenkunft keine „verfassungsfeindlichen Tendenzen“ gegeben habe. Genau diese amtliche Zusicherung forderten wir allerdings vom „Verfassungsschutz“. Mit direkten Anrufen dort.

Grund unseres Wunsches: Unter den vielleicht vierzig bis fünfzig (?) Teilnehmenden des Jugend- und Schülerzeitungstreffens befanden sich vermutlich einige, die später im „Staatsdienst“ arbeiten wollten. Und diese Leute sollten bei künftigen Einstellungsgesprächen keine Probleme wegen der Tagung bekommen.

 

Doch der „Verfassungsschutz“ Baden-Württemberg verweigerte diese schriftliche Bestätigung.

 

Was also tun? Wir Schülerzeitungs-Ativen aus Leutkirch informierten diejenigen, die die Tagung besucht hatten. Und auch Journalistinnen und Journalisten. Anscheinend waren wir nicht die einzigen jungen Leute, die die Landes-Geheim-Polizei „Verfassungsschutz“ damals beobachtet hatte.

 

Mein Vater Otl Aicher war es wohl, der meiner Mutter Inge Aicher-Scholl deshalb im Frühjahr/Frühsommer 1978 einen Brief an Landesinnenminister Lothar Späth (CDU) diktierte. Darin zu lesen: Die Observierung von Schülerinnen und Schüler erinnere sie an die erste Verhaftung durch die „Geheime Staats-Polizei“ (GeStaPo) von Hans Scholl, Inge Scholl und Werner Scholl 1937 (?). Und es erinnere sie an die Fahrt von Inge Scholl und Werner Scholl auf dem offenem Lastwagen-Verdeck der Polizei von Ulm über die damals neue Autobahn von Ulm zum Verhör nach Stuttgart.

 

Dieses Schreiben meiner Mutter an den Innenminister geriet an Journalistinnen und Journalisten. Und im „Sommerloch“ 1978 griff die „Stuttgarter Zeitung“ das Thema freudig auf. In einer damals politisch vergleichsweise „heißen“ Zeit.

Denn Ministerpräsident Hans Karl Filbinger (CDU) konnte kaum länger leugnen, noch nach dem offiziellen Ende der Nazi-Herrschaft (am 8. Mai 1945) Todesurteile für Soldaten gefordert  zu haben, die sich geweigert hatten, weiter für Hitler zu kämpfen. Der Schriftsteller Rolf Hochhuth nannte Filbinger deshalb einen „furchtbaren Juristen“.

Am 7. August 1978 trat Filbinger zurück. Und wer sollte sein Amt übernehmen? In Presse und Funk damals die Namen: Manfred Rommel (Stuttgarter Oberbürgermeister und Sohn des „Wüstenfuchses“ Erwin Rommel) und Innenminister Lothar Späth.

 

Ein Innenminister, der erkennbar unschuldige Schülerinnen und Schüler bespitzeln lässt? Geeignet als neuer „Landesvater“ in einer Zeit, da man gerade erst den „furchbaren Juristen“ Filbinger losgeworden war? Diese Frage stellte sich offenbar auch die „Stuttgarter Zeitung“.

 

Fast noch wie gestern in mir die Erinnerung an jenen Sommer-Mittag 1978 im Rotiser Büro meiner Mutter. Wohl mein Bruder Manuel, mein Vater und ich standen da, während meine Mama am Telefon von einer Journalistin der „Stuttgarter Zeitung“ befragt wurde.

Es verging anschließend wohl keine Viertelstunde, da klingelte nochmal das Telefon im mütterlichen Büro neben der aicher’schen Küche. Diesmal am anderen Ende der Leitung: Innenminister Lothar Späth. Er bekannte, er habe Inge Aicher-Scholl schon länger anrufen wollen. Es komme „natürlich“ nichts über die Jugend- und Schülerzeitungs-Tagung in die Akten. Meine Mutter zeigte sich im Ton dankend freundlich.

 

Kaum hatte sie den Hörer aufgelegt, meinte mein Vater zu uns beiden Söhnen: „Und ab jetzt führt ihr Telefonate in dieser Sache     a u ß e  r h a l b     von hier.“

 

Dass solches Ausweichen in öffentliche Telefonzellen vor dem Abhören hauseigener „Fernsprecher“ als `was nicht ganz Außergewöhnliches galt, erfuhr ich erst Jahrzehnte später. So soll Bundeskanzler Helmut Kohl gelegentlich seinen Fahrer nahe von Telefonzellen angewiesen haben: „Halt‘ mal da an. Ich muss noch was besprechen.“

 

Noch direkter? Meine Nachrichten-Übermittlung funktionierte 1978 auch mal ganz ohne Telefondraht. Morgens kurz nach Sonnenaufgang in Rotis aufs Fahrrad. Richtung West: Bodensee. Aufregend angenehm der Wind im Gesicht bergab die Schlierer Straße in Ravensburg  - runter ins Schussental. Noch vor Unterrichtsschluss erreichte ich die Aktiven der Schülerzeitung in Radolfzell.  Dass mir eine der Redakteurinnen dort besonders gut gefiel, mag das Reisetempo auf dem Drahtesel mit beschleunigt haben. Landeserkundung, Liebe und Verfassungstreue – was sich nicht alles vereinen lässt!

 

 

„Bildet Euch doch da nicht so viel drauf ein.“ Diesen Rat meines älteren Bruders Florian an uns Schülerzeitugns-Leute ergänzte er mit einem weiteren Bericht über geheim-polizeiliche Beobachtungs-Methoden. In den frühen 1970er Jahren habe er mit anderen jungen Leuten, die erkennbar gerne protestierten, bei einer vertraulichen Besprechung verabredet: „Wir vereinbaren übers Telefon ein Demonstration am Münsterplatz, die dann gar nicht stattfindet. Mal sehen, ob die Polizei trotzdem dazu erscheint.“ Gesagt, getan. Nach der Telefonrunde setzten sich die jungen „Revoluzzer“ gemütlich in ein Café mit Blick über den Münsterplatz. Sie trauten wohl ihren Augen kaum, als tatsächlich einige Polizei-„Wannen“ vor der großen Kirche Ulms auffuhren – genau zu dem Zeitpunkt, als die Schein-Demonstration per Telefonkette verabredet worden war.

 

„Buhhh“. Im November oder Dezember 2020 durfte ich bei einer Kundgebung für Grundrechte in Lindau eine Rede halten. Dabei berichtete ich, dass in Baden-Württemberg ab jetzt die „Querdenker“ vom „Verfassungsschutz“ beobachtet werden sollten. „Buh“-Rufe aus dem Publikum. Darauf ich am Mikrofon: „Moment. Ich finde das gut. Denn dann können die `Schlapphüte‘ bei unseren Demonstrationen lernen, wie freundlich und friedlich Demokratie wirklich ist. Und: Wir können sie beobachten. Also: Beobachtet die Beobachter!“ Ähnlich, wie wir’s 1978 nach unserer Jugendzeitungstagung tatsächlich gemacht hatten.

 

Es freut mich, dass der Stuttgarter Unternehmer und  „Querdenken“-Gründer Michael Ballweg die Sache gütig lächelnd ganz ähnlich bewertet hat. Er ließ im Frühjahr 2020 beim Bundesverfassungericht das Recht der Bürgerschaft auf freie und friedliche Versammlungen schützen. Sollten jemals wieder alle im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland garantierten Grundrechte voll gültig sein, so werden mehr Leute als bisher erfahren, dass dieser Mann für dem demokratischen Rechtsstaat wahrscheinlich weit mehr Gutes geleistet hat als die meisten Abgeordneten 2020 zwischen Ostsee und Bodensee.

 

Grundrechte. Wie wichtig sie wirklich wirken, wird sich leider umso mehr zeigen, je länger sie mißachtet werden. Etwa die Unversehrtheit der eigenen Wohnung. Oder das Brief- und Fernmeldegeheimnis. Und auch „die Würde des Menschen“.

 

 

 

 

 

"Rufmord"?

 

Die, die es erkennbar immer wieder brechen – und sich dann auch noch widersinnig „Verfassungsschutz“ nennen – können mit ihrem un-heimlichen Tun nämlich beachtlichen Schaden anrichten. Und Lebensgrundlagen bedrohen. Siehe zehn „NSU-Morde“. Was wusste der „Verfassungsschutz“ davon? Standen einige der V-Leute nahe, als manche der Taten verübt wurden?

 

Tatsächlich bedroht von geheimer Beobachtung fühlten sich allerdings auch mal meine Eltern Inge Aicher-Scholl und Otl Aicher. Und offenbar ganz zu Recht.

 

Gefährdet schienen ihre Pläne, in Ulm eine „Hochschule für Gestaltung“ (HfG) zu gründen, durch ein „Geheimbericht über 18 Punkte“. Diesen hatte das „Landesamt für Verfassungsschutz“ 1951 einem Landtagsabgeordneten überreicht. Inhalt: Vorwürfe gegen meine Mutter und meinen Vater. Verfasst von Albert Riester. Nach Angaben meiner Mutter sei Riester „als Student maßgeblich an der Verfolgung ihrer Geschwister beteiligt“ gewesen. Nach dem II. Weltkrieg (1939-1945) schrieb Riester unter anderem für die „Ulmer Nachrichten“. Dort empfand man ihn 1951 als „untragbar“. Begründung: Die Staatsanwaltschaft Ulm beschuldigte Riester, 1939 einen jüdischen Kaufmann vor den Nazi-Terror-„Volksgerichtshof“ gebracht zu haben.

 

Zufall, dass der ehemalige Verbindungsmann der „Geheimen Staats-Polizei“ (GeStaPo) der Nazis gerade 1951 eine „Rufmordkampagne“ gegen meine Eltern begann? Unterstützt vom Stuttgarter „Landesamt für Verfassungsschutz“ ?  Nach Riesters Report sollen meine Eltern kommunistische Agenten gewesen sein. Meine Mutter erzählte mir dazu: „Es hieß da, Otl sei ab und zu heimlich nach Prag gefahren, um dort neue Anordnungen der Russen zu erfahren. Aber: Dein Vater war nie in Prag. Sein ganzes Leben nicht.“

 

Wer’s genauer wissen möchte, möge nachlesen in „hfg ulm. der blick hinter den vordergrund. die politische geschichte der hochschule für gestaltung 1953-1968“. Was der Kölner Professor René Spitz dort über Riester und seine „Verleumdungsschrift“ gegen meine Eltern berichtet, liest sich gerade heute (2021) wie ein Krimi.

 

Riesters Rache gegen meine Eltern ließ sich abwehren. Gerade noch. 1953 begann die „Hochschule für Gestaltung“ mit ihrer Arbeit. Der ehemalige „Gestapo-V-Mann Riester“ erlitt freilich keine Strafe für seinen Rufmord-Versuch. Ganz im Gegenteil: Albert Riester „wurde Mitarbeiter des Verfassungsschutzes, dann Sicherheitsbevollmächtigter der Daimler-Benz AG und erhält 1994 das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse“. So stands im „Spiegel“ Nummer 9 von 2003.

 

Aus Mutters Mund? Was erzählte mir als Jungendlicher in den 1970er Jahren Inge Aicher-Scholl über diese Bedrohungen der Ulmer Hochschulgründung? Da hörte ich von einem „GeStaPo-Spitzel“ namens Riester. Er habe Hans und Sofie verraten - an ihre Mörder. Und Riester sei von Robert Scholl nach 1945 gesagt worden: „Da ist die Tür“. Zuvor habe der GeStaPo-Zuträger zu meinem Opa angeblich gemeint: „Ja, Herr Scholl, jetzt können wir ja wieder mit`nander weitermachen.“ Der klare Rausschmiss wohl aus dem Ulmer Oberbürgermeisterbüro meines Großvaters wirkte eher untypisch für ihn. Mehr wird ihm das Beckenbauersche „Jetzt sind wir wieder gut mitnander“ nachgesagt. Wen wunderts, dass Riester nach Rache suchte.

 

Durch die Rufmordaktion des ehemaligen GeStaPo-Spitzels 1951 wirkten die US-amerikanischen Förderer der HfG verunsichert. Meine Mutter erzählte mir, sie sei deshalb vom CIC zum Verhör vorgeladen worden. Also dem Vorgänger des späteren US-Geheimdienstes CIA. Freundlich und sachlich habe sie die Anschuldigungen Riesters widerlegt. Erkennbare Zufriedenheit bei den US-Befragern. Dann hörte Inge Scholl wohl von ihnen: „Wie empfanden Sie denn jetzt gerade unser Gespräch?“ Ihre Antwort: „Na ja, ein bißle habe ich mich da schon an die Verhöre der GeStaPo erinnert.“ Darauf die US-Befrager: „Was glauben Sie denn, wie wir mit den Kommunisten umgehen!“

 

Diese Berichte von meiner Frau Mama kamen mir mehrmals so zu Ohren. Auch deshalb blieb mir vieles davon wörtlich hängen.

 

Eine deutsche Geheimpolizei, die ursprünglich mit alten Nazis zusammenarbeitete. Sie ausgerechnet „Verfassungsschutz“ zu nennen, dürfte selbst George Orwell kaum in den Sinn gekommen sein.  Ein „Verfassungsschutz“, der in den letzten Jahrzehnten auch mit Leuten aus der Neo-Nazi-Szene angebandelt haben soll. Stichwort NSU.

 

Wenn der „Verfassungsschutz“ jetzt, 2021, ausgerechnet diejenigen „beobachten“ soll, die erklären, gerade öffentlich für die Verfassung, das Grundgesetz, einzutreten, dann zwingt das förmlich zu Fragen.

 

Oder – ganz offen – zur Zustimmung? Wenn ja, dann mit Zuversicht und dem bewährten Motto „Die Hoffnung stirbt zuletzt“. Immerhin.